Die Erleuchtung unterm Lack

In den Wochen und Monaten nach dem Kauf habe ich den Kadetten dann näher kennen gelernt. Vom ursprünglichen Vorhaben, ihn in seinem aktuellen Zustand noch eine Weile zu fahren, bin ich zügig wieder abgerückt. Denn um ihn neu zuzulassen und zu versichern, hätte es einer frischen Hauptuntersuchung bedurft. Und um die zu bestehen, hätte ich so einige Stellen mehr oder weniger notdürftig flicken und einige Neuteile besorgen müssen. Aber wofür der ganze Aufwand, wenn ich ihn doch bald danach aufarbeiten wollte?
Also beschloss ich, mich gleich nach einer kleinen Halle umzusehen, in die ich mit meinem “Projekt” einziehen könnte. Die fand ich dann auch gleich durch einen Bekannten in einer alten Giesserei am Bautzener Stadtrand. Die war zwar in einem erbärmlichen baufälligen Zustand, aber für den Anfang besser als nichts.
Dort verbrachte ich nun den Sommer und Herbst über meine Feierabende, und rückte plangemäss dem Altlack zuleibe. Naiv wie ich war, hieß das für mich: Lack abschleifen und dann ab zum Lackierer. Gesagt, getan. Über meinen damaligen Arbeitgeber habe ich mich ersteinmal mit vernünftigem Werkzeug eingedeckt, inklusive Exzenterschleifer. Das klappte auch ganz wunderbar. Stück für Stück brachte ich damit den Altlack zum Vorschein. Aber als ich dann am Frontblech angelangt war und plötzlich in einer dicken Gipswolke stand, kam die Ernüchterung. Spachtelmasse, teilweise fünf Millimeter dick, soweit das Auge reicht. Und darunter: Rost. Und wenn es kein Rost war, waren es tiefe Dellen und gruselige Schweissnähte. Selbiges Dilemma bald darauf hinten links am Radlauf. Da hat ein mindestens genauso fähiger Künstler den neuen Radlauf einfach über den alten Verrosteten drüber geschweißt und “beigespachtelt”.
Nun kamen so langsam leise Zweifel auf, ob das denn alles richtig war, mir so eine alte Kiste aufgehalst zu haben. Habe ich mich damit nicht vielleicht doch etwas verhoben? “Nein!”, dachte ich mir dann, “Jetzt erst recht!”. Ab spätestens dann standen die Zeichen also auf Vollrestauration. Ohne einen wirklichen Plan, wie ich das angehen und erst recht bezahlen soll.
Glücklicherweise ergab es sich dann jedoch, dass ich mit einem halbwegs versierten Arbeitskollegen einen Mitstreiter gefunden hatte. Mit ihm sollte es dann richtig ans Werk gehen. Naja, zumindest über drei Wochen ging es das auch. Dann liess allerdings die Motivation schon wieder nach. Wieder auf mich allein gestellt begann ich dann, das Coupé bis auf die letzte Schraube zu zerlegen und alle Teile nach Ludolfscher Manier im Waschraum der Giesserei häufchenweise zu sortieren.
Parallel dazu habe ich mir im Netz Reparaturbleche aus Schlachtfahrzeugen zusammengekauft, ohne eine Ahnung zu haben, wer die einmal einschweissen wird. Selbst einen Satz Atiwe Käseloch-Felgen in 7×13 habe ich schon bei eBay geschossen. Wer weiss, vielleicht sind es die Letzten auf dem Erdball …

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